Studie zur Evolution des Bewusstseins

In einer aktuellen Studie der Zeitschrift PLoS Biology zeigen Helmut Prior (Goethe-Universität, Frankfurt am Main) sowie Ariane Schwarz und Onur Güntürkün (Ruhr-Universität Bochum), dass Elstern sich im Spiegel erkennen. Im Markierungstest, wie er häufig auch bei Kindern und Menschenaffen eingesetzt wird, reagierten die Elstern so, als sei das Spiegelbild ein Abbild ihrer selbst. Dieses Ergebnis hat mehrere wichtige Konsequenzen für unser Verständnis der Evolution von Intelligenz und Bewusstsein.
Vögel und Säugetiere haben sich seit mindestens 300 Millionen Jahren getrennt entwickelt. Bisher konnte man die Spiegel-Selbsterkennung nur bei wenigen Menschenaffenarten wie z. B. Schimpansen und Orang-Utans gesichert nachweisen. Hinweise gab es auch für Delfine und Elefanten. Diese Ergebnisse führten zu der Annahme, dass komplexe Denkprozesse und Bewusstsein nur bei höheren Säugetieren entstanden sind. Der Nachweis des Selbsterkennens bei Elstern zeigt dagegen, dass diese Leistungen in der Evolution mehrfach und unabhängig voneinander entstanden sein müssen.
Der bei Menschenaffen und Menschen besonders groß entwickelte Neokortex wurde lange Zeit als unabdingbare Voraussetzung für komplexe Denkprozesse angesehen. Wie alle Vögel haben Elstern keinen Neokortex, sondern weisen eine vollständig andere Hirnorganisation auf. Somit zeigen die aktuellen Ergebnisse, dass sogar Selbst-Erkennen ohne Neokeortex und somit durch alternative Hirnstrukturen erzeugt werden kann.
|
|
Kooperation von links und rechts - neue Studie in Neuropsychologia
Die linke und rechte Hemisphäre des Gehirns des Menschen und anderer Wirbeltiere sind anatomisch spiegelsymmetrisch und viele Aufgaben können von einer Hemisphäre alleine bewältigt werden. Trotzdem hat sich zwischen beiden in der Evolution eine Verbindung ausgebildet, die mit dem Corpus callosum des Menschen immense Ausmaße erreicht. Was ist der Grund für die Investition in solche offenbar sehr wichtigen, im Hinblick auf die Rechenkapazität des Gehirns allerdings auch sehr kostspieligen interhemisphärischen Kommissuren?
In einer jetzt in der Fachzeitschrift Neuropsychologia erschienenen Studie untersuchten Helmut Prior und Christiane Wilzeck vom Institut für Psychologie der Goethe-Universität eine neue Hypothese, nach der die selektive Suche nach Nahrung eine wichtige Rolle dabei gespielt hat (Neuropsychologia 46, 2008, 233–240). Menschen und andere Wirbeltiere nehmen Dinge auf der linken und rechten Seite ihres Gesichtsfelds (d.h. links und rechts der Nasenspitze) zunächst in jeder der Hirnhemisphären getrennt wahr. Bei der Suche nach Nahrung sollte es allerdings von großem Vorteil sein, wenn nicht jede Hemisphäre für sich sucht, sondern Bevorzugungen, z.B. für Brombeeren oder für Heidelbeeren, aufeinander abgestimmt werden. Im Experiment suchten Hühnerküken, bei denen wie bei anderen Vögeln interhemisphärische Kommissuren noch relativ klein sind, nach Futterkörnern unterschiedlicher Farbe. Wenn die Tiere beide Hemisphären nutzen konnten, war die Nahrungssuche hoch-selektiv; mit nur einer Hemisphäre (dies lässt sich durch vorübergehendes Abdecken eines Auges experimentell testen) suchten die Tiere zufällig.
Die Ergebnisse der Studie belegen einen vermutlich sehr wichtigen und bislang unentdeckten Faktor in der Evolution der Kooperation der Hirnhemisphären.
|